Sinnbild der Gastfreundschaft

13. Februar 2025 Mehr

Das Team von Antonio Virga Architecte konzipierte das Nachbarschaftszentrum Pôle associatif du Blosne in Rennes in Form von fünf markanten, mit Satteldächern gekrönten Baukörpern. Die als Solitäre anmutenden Gebäudeteile sind durch einen gemeinsamen Sockel verbunden, der als verbindendes Element dient. Das Projekt zielt darauf ab, die Gemeinschaft zu stärken und bietet Raum für verschiedene soziale und kulturelle Aktivitäten. Funktional und dabei ästhetisch ansprechend, soll dieser Raum einzig den Bedürfnissen der lokalen Gemeinschaft gerecht werden.

 

 

Die 225.000-Einwohner-Stadt Rennes befindet sich in Nordwestfrankreich und ist bekannt für ihre mittelalterlichen Fachwerkhäuser und die prächtige Kathedrale, deren Baugeschichte bis ins 6. Jahrhundert zurückreicht. Der südöstliche Teil der Hauptstadt der Bretagne ist hingegen geprägt von großen Wohnsiedlungen, die aus den 1960er-Jahren stammen. Im Rahmen eines derzeit forcierten Stadterneuerungsprogramms will man die Stärken des Quartiers herausarbeiten: ein blühendes Gemeinschaftsleben, hochwertige Bausubstanz und zahlreiche Grünflächen.

 

 

Die neue Mitte

Um einen neuen Mittelpunkt und einen Ort der Identifikation für die Bürger zu schaffen, sollte an einer zukünftigen städtischen Hauptachse – der Rambla, die entlang des Boulevard de Yugoslavie angelegt wird –, ein Gemeindezentrum als Leuchtturm des Stadtteils entstehen. Dessen Ziel besteht darin, den sozialen Zusammenhalt neu zu beleben und den Alltag der Anwohner mit positiven Akzenten zu bereichern. Dabei spielt auch die Historie des Quartiers eine entscheidende Rolle: denn das neue Nachbarschaftszentrum befindet sich an der Stelle der Baraque Ar Maure, einer ehemaligen Kaserne, die von den Arbeitern genutzt wurde, die beim Bau des Viertels mitgewirkt haben. Die Architekten wollten daher vor allem einen Ort schaffen, der für alle leicht zugänglich und so gestaltet ist, dass er von der Öffentlichkeit ohne Scheu angenommen wird.

 

 

Kontrastpunkt und Sinnbild

Mit der Wahl einer markanten Formensprache ist es Antonio Virga gelungen, bewusst mit dem architektonischen Ausdruck der umliegenden Gebäude zu brechen. Eine verbindende Plattform soll dem Ensemble im Zeichen des Zusammenkommens die Identität eines autonomen Gebäudes verleihen. Gleichzeitig spiegeln die verschiedenen Aufgänge des Gebäudes, die durch die Plattform und offene Galerien miteinander verbunden sind, die Vielfalt der Nutzungsmöglichkeiten und Zielgruppen wider. Dazu griffen die Architekten auf das Urbild des Hauses als Sinnbild für die Idee der Gastfreundschaft, der sozialen Bindungen und eines Ortes des Austauschs zurück.

 

 

Insgesamt fünf überdachte Aufgänge erschließen jeweils zwei bis drei Stockwerke, die unterschiedliche Funktionen beherbergen. Form, Ausrichtung, Öffnung und Durchlässigkeit variieren dabei leicht. Die geneigten Dächer, die auf die Häuser in der Nachbarschaft verweisen, überragen die umgebenden Hochpunkte und setzen ein Signal der physischen Präsenz im Bezirk. Im Inneren befinden sich neben den Räumlichkeiten mehrerer lokaler Vereine auch eine öffentliche Cafeteria sowie eine Veranstaltungsfläche mit Küche, die für verschiedene Events genutzt werden kann. Es gibt außerdem einen Sport­raum mit Umkleidemöglichkeiten sowie Besprechungs- und Arbeitsräume, die stunden- oder tageweise gemietet werden können.

 

 

Eine zentrale Bedeutung kommt dem Foyer zu, das vom künftigen Platz an der Kreuzung des Boulevard de Yugoslavie und der Avenue des Pays-Bas aus zugänglich und ein Ankerpunkt des Ensembles ist. Mit ihrer doppelten Höhe und der Öffnung zum Garten hin signalisiert die Eingangshalle sowohl die Größe als auch Bedeutung des Projekts für das Viertel. Zwei einladend gestaltete Gärten in Form von Innenhöfen fungieren im Außenbereich als eine Art Nahtstelle, die das Programm sowie das Bauwerk mit der Nachbarschaft zu einem einzigartigen und kohärenten Ganzen zusammenfügen sollen.

 

 

Mehr Wert für die Nachbarschaft

Das Pôle associatif du Blosne besticht neben seinen inneren Werten auch durch ein durchaus einnehmendes Äußeres: die Stahlbetonkonstruktion beruht auf einem Pfosten-Riegel-System mit Betonvorwänden. Die Dächer wurden in Holzrahmenbauweise ausgeführt, die Fassaden des Erdgeschosses mit Sichtbeton verkleidet. Die Fenster und Türen im Erdgeschoss sind aus Aluminium und in Grautönen gehalten und geben in Kombination mit den Fassaden ein stimmiges Bild ab, die ab dem ersten Stock entweder mit farblos eloxiertem Aluminium oder mit Lärchenholz verkleidet wurden. Insgesamt ergibt sich so ein helles und lebendiges Erscheinungsbild mit präzise geformten Öffnungen in den Erkern. Einige Teile der Holzverkleidung umschließen Terrassen und schaffen damit wirklich private Außenräume. Dieses Durchbrechen der Fassade erzeugt ein Spiel von Licht und Schatten auf der Außenhaut und in den Innenräumen. Hölzerne „Brise Soleil“, also Sonnenbrecher, reduzieren die direkte Sonneneinstrahlung und helfen dabei, die Innenräume vor Überhitzung zu schützen. Gleichzeitig tragen die Screens zur ästhetischen Gestaltung der Gebäude bei und bereichern das visuelle Erscheinungsbild – des Neubaus sowie des gesamten Stadtquartiers.

 

 

Pôle associatif du Blosne
Rennes, Frankreich

Bauherr: Ville de Rennes
Planung: Antonio Virga Architecte
Team: Keeyong Lee, Chiara Sorrento
Statik: TPFI

 Grundstücksfläche: 1.985 m2
Planungsbeginn: 03/2018
Bauzeit: 18 Monate
Fertigstellung: 01.09.2023
Baukosten: 5.260.000 EURO

 www.antoniovirgaarchitecte.com

 

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Nicolas Trouillard

Kategorie: Projekte