Durchlässig und wehrhaft

1. April 2025 Mehr

Wie ein schützender Vorhang schirmt die langgezogene, geschlossene Bebauung das Münchner Wohnquartier Ludlstraße gegen Lärm und Emissionen ab. Rücklings öffnet sich das Gelände als strukturierter Freiraum mit locker am Areal positionierten polygonalen Punkthäusern.

 

 

Die sozialen Wohnbauten im Wien der Zwischenkriegszeit waren mehr als Wohnhausanlagen. In der aufgeheizten politischen Stimmungslage zwischen Sozialdemokraten und Christlichsozialen wurden die Arbeiterwohnhausanlagen architektonisch bewusst als Trutzburgen gegen den „Klassenfeind“ gestaltet – was im Februar 1934 in deren tatsächlichem Beschuss durch die Heimwehr und militärischer Verteidigung durch den Republikanischen Schutzbund gipfelte.

 

 

 

Schutz gegen Lärm und Abgase

Heute gilt der Abwehrkampf im Wohnbau anderen „Feinden“. Unter anderem dem Lärm und den Emissionen des Straßenverkehrs. Und die machen keinen Unterschied zwischen politischen Einstellungen oder zwischen Sozialbauten und frei finanzierten Eigentumswohnungen. Baulicher Lärmschutz ist heute im urbanen Raum ein städtebauliches Muss. So auch in der bayerischen Hauptstadt München. Im Westen der Stadt liegt die von der 1928 gegründeten „Gemeinnützige Wohnungsfürsorge AG“ (Gewofag) in den zwanziger Jahren errichtete Gründersiedlung Friedenheim. Im Anschluss daran stand eine drei- und viergeschossige Zeilenbebauung aus den sechziger Jahren, die aufgrund von baulichen Mängeln nicht saniert werden konnte.

 

 

Die Gewofag (seit heuer heißt die Gesellschaft „Münchner Wohnen“) beschloss daher, das Areal städtebaulich neu zu entwickeln und zu bebauen. Einen 2013 ausgelobten städtebaulichen und landschaftsplanerischen Ideenwettbewerb gewannen Lorber + Paul Architekten aus Köln. Den zweiten Platz errang damals das Wiener Architekturbüro AllesWirdGut, den dritten Rang das Münchner Planungsbüro de la Ossa Architekten. Die drei Büros waren im anschließenden, auf dem Masterplan von Lorber + Paul basierenden Realisierungswettbewerb gesetzt. AllesWirdGut gewannen im März 2015 den Wettbewerb mit einem Entwurf, der die räumliche Konfiguration des städtebaulichen Projekts im Wesentlichen beibehielt.

 

 

Das neue, im Dezember 2021 eröffnete Quartier an der Ludlstraße schließt nun statt der Anlage aus den sechziger Jahren an die Siedlung Friedenheim an. Südlich des Quartiers verläuft die Lindauer Autobahn. Eine geschlossene, zwei- und fünfspännig organisierte, viergeschossige, langgezogene Bebauung schirmt die Wohnhausanlage folglich gegen den Lärm ab. Nach Norden hin öffnet sich die Siedlung dann zu einer lockeren Bebauung mit 16 vier- bis sechsgeschossigen polygonalen Punkthäusern, die durch einen zentralen Erschließungskern mit eigenständiger Geometrie erschlossen werden und jeweils maximal 30 Wohnungen beinhalten. Die ebenfalls polygonalen öffentlichen Flächen zwischen den Häusern, bestehend aus Wegen über Nischen bis zu kleinen Plätzen, schaffen einen abwechslungsreichen Freiraum, der großteils versiegelt bleibt, unterbrochen nur von begrünten Vorgärten, einigen Pflanzenbeeten mit Sitzgelegenheiten und Spielplätzen. 

 

 

Offen und durchlässig

Neben 373 Ein- bis Fünfzimmerwohnungen, die großteils für Familien vorgesehen sind und gemischt freifinanziert und gefördert errichtet wurden, entstanden ein Quartierstreff mit mehreren Künstlerateliers, die teilweise als Wohnateliers genutzt werden können, Wohngemeinschaften und ein Mehrgenerationenhaus, mit einem Familien- und Beratungszentrum sowie einem Kindertageszentrum und einem Haus für Kinder sowie einer eingeschossigen Tiefgarage.

 

 

Die teils in verputzter Ziegelbauweise, teils in Stahlbetonbauweise mit Wärmedämmung oder hinterlüfteter Holzfassade errichtete Wohnhausanlage wurde mit dem 3. Platz für intelligente Nachverdichtung beim polis Award für Stadt- und Projektentwicklung ausgezeichnet. Hervorgehoben wurde die städtebauliche Idee, offen und durchlässig zur Nachbarschaft zu reagieren und mithilfe des Parks, in dem sich öffentliche, gemeinschaftlich nutzbare Freiräume mit privaten, uneinsichtigen Gärten einzelner Erdgeschosswohnungen abwechseln, die Durchlässigkeit des Stadtraums zu fördern. Gelungen scheint hier also der „Abwehrkampf“ gegen den Feind aller Wohnbauten: Lärm und Abgase.

 

 

LUD – Neubau Wohnquartier Ludlstraße
München, Deutschland

Auftraggeber: GEWOFAG Holding, München
Planung: AllesWirdGut, Wien/München
Landschaftsplanung: el:ch landschaftsarchitekten München, L+P Landschaftsarchitekten München (LP 5–8)
Städtebau Masterplan: Lorber Paul Architekten, Köln

Planungsbeginn: 01/2015
Baubeginn: 01/2017
Fertigstellung: 12/2021
Grundstücksfläche: 29.898 m2
Bruttogeschoßfläche: 49.700 m2
Nutzfläche: 30.300m2

www.awg.at

 

 

Text: Roland Kanfer
Fotos: Michael Radeck, dronemedia-munich.de, GEWOFAG

Kategorie: Projekte