Mehr Home im Office
Rund ein Drittel unseres Tages verbringen wir am Arbeitsplatz – für Natalie Pichler und Jürgen Holler ist deshalb klar, dass dieser Raum besondere Aufmerksamkeit verdient. Mit OFFORA hat sich das Duo gemeinsam der Gestaltung zukunftsorientierter Bürokonzepte verschrieben. Das Innenarchitektur- und Designstudio mit Sitz in Linz und Wien entwickelt individuelle Lösungen, begleitet Unternehmen vom ersten Schritt bis zur Fertigstellung und rückt dabei stets die Nutzer:innen in den Mittelpunkt. Im Interview spricht die Produkt- und Interior Designerin über ihre Herangehensweise an Entwürfe und Herausforderungen bzw. Trends in der Büroarchitektur. Außerdem erklärt sie, welche Qualitäten der Arbeitsplatz von morgen braucht und wie man auf den Trend zum Homeoffice reagieren sollte.
Was hat der Name Ihres Büros mit einem Marktplatz zu tun? Inwiefern beschreibt er Ihre Philosophie und wie sind Sie zur Gestaltung von Arbeitswelten gekommen?
Der Name OFFORA ist eine Kombination aus den Begriffen Office und Agora. Agora kommt aus dem Griechischen und bedeutet Marktplatz. Als sozialer Ort, an dem Leben herrscht, man sich trifft und austauscht, ist damit Arbeitsräumen sehr ähnlich. Während Jürgen vor der Gründung von OFFORA in der Büromöbel-Branche tätig war, hatte ich bereits im Studium ein großes Interesse für die Büroraumgestaltung. Für uns beide stellt das Büro einen spannenden Raum dar, in dem wir zumindest ein Drittel unseres Tages verbringen – Tendenz steigend. Er entwickelt sich immer mehr zum Lebensraum und durchläuft nicht erst seit der Corona-Pandemie einen starken Wandel. Wir wollen Büroräumlichkeiten gestalten, die sich positiv auf ihre Nutzer:innen auswirken.
Sie wollen mit Ihren Kund:innen beim Office-Design neue Wege gehen. Wie sehen diese aus und worin unterscheiden sie sich von traditionellen Herangehensweisen?
Wir verstehen uns nicht nur als Designer, sondern decken von der Grundlagenanalyse bis hin zur örtlichen Bauaufsicht sämtliche Leistungsphasen ab. Dabei wollen wir nicht unsere persönliche Vorstellung eines idealen Büros umsetzen, sondern jedes Projekt optimal an die Bedürfnisse der Kund:innen anpassen. In der Praxis sieht der Ablauf so aus, dass wir zu Beginn in sehr engem Kontakt mit den Auftraggeber:innen stehen und das Konzept in Workshops ausarbeiten. Anstatt einen fix fertigen Entwurf zu liefern, beraten wir, hinterfragen und geben Anregungen, um gemeinsam eine stimmige Gestaltung zu entwickeln. Dieser Ansatz ist zeitintensiv und überfordert viele zunächst. Unseres Erachtens lässt sich ein nachhaltiges Büro aber nur realisieren, wenn man genügend Zeit investiert.
Der ING-Standort in Wien sollte mit viel Grün und Vintage-Akzenten nicht nur die Wurzeln des niederländischen Unternehmens widerspiegeln, sondern auch die Werte bzw. Arbeitsweise der Bank repräsentieren und die Zusammenarbeit der Mitarbeiter:innen fördern.
Der Trend zum Homeoffice senkt den Bedarf an Büroflächen. Wie reagiert man darauf?
Unserer Ansicht nach wirkt sich der Trend zum Homeoffice nicht in einer Reduktion der Büro-Gesamtfläche aus, sondern vielmehr in einer veränderten Aufteilung. Der eigene Tischarbeitsplatz ist kleiner und wird in seiner traditionellen Form zunehmend von flexiblen Desksharing-Konzepten abgelöst. Dazu kommt, dass es mehr Alternativen zum Schreibtisch gibt wie kleine, ruhige Räume zum konzentrierten Arbeiten oder für ungestörte Videokonferenzen sowie eigene Workshop-, Multifunktions-, Ruhe- und Fitnessräume. Zugleich wächst allerdings die Sozialfläche. Der eingesparte Platz wird heute gerne als Working Café genutzt, in dem man gemeinsam kocht, Kaffee trinkt, Fußball schaut, Feste feiert, liest und vieles mehr.
Worin besteht Ihres Erachtens die größte Herausforderung?
Die größte Challenge ist unseres Erachtens, die Menschen aus dem Homeoffice ins Büro zurückzuholen. Damit das gelingt, braucht es einiges an Überzeugung. Ohne ein attraktives Angebot werden Mitarbeiter:innen, bei denen es die Umstände zulassen, zu Hause in Ruhe zu arbeiten, den Arbeitsweg nicht auf sich nehmen. Neben einer angenehmen Büroumgebung können sich auch zusätzliche Standorte positiv auswirken, um die Anfahrt zu verkürzen. Flurgespräche, After-work-Events und Co. tragen nicht nur dazu bei, dass man sich stärker mit dem Unternehmen identifiziert, sondern erhöhen auch die Produktivität durch Serendipity. Gelingt es nicht, dem Homeoffice-Trend entgegenzuwirken, werden Arbeitgeber:innen schnell austauschbar, weil der zwischenmenschliche Austausch und das Gemeinschaftsgefühl fehlen.
Das Herzstück des modern und funktional gestalteten ING-Offices bildet das Working Café: Mit einer großzügigen Bar sowie einer Vintage-Lounge lädt es Gäste und Mitarbeitende gleichermaßen zum Verweilen und Austauschen ein.
Welche Qualitäten müssen zukunftsorientierte Büroräume in Ihren Augen haben? Wie sieht das Büro von morgen aus?
In erster Linie muss das Büro an die unterschiedlichen Arbeitsmodi angepasst sein. Dabei geht es zum einen um die Qualitäten des Arbeitsplatzes (Akustik etc.) und die Bedürfnisse der Mitarbeiter:innen (welches Angebot passt zu deren Interessen), zum anderen um die Ausstattung der Räume (allen voran eine niederschwellig für jede:n bedien- und benutzbare Medientechnik). Das Büro von morgen bzw. heute ist für uns das „Office as a service“. Wir beschäftigen uns viel mit dem Begriff „Hotelification“. Bei diesem geht es darum, am Arbeitsplatz einen hotelähnlichen Rundum-Service anzubieten, der Arbeit und Leben erleichtert: Dazu gehören nicht nur Infopoint, Verpflegung und flexibel mietbare Räume, sondern auch zunehmend ein Angebot mit Paketannahme, Wäscherei, Friseur:in und Kindergarten. Meines Erachtens geht der Trend außerdem dahin, dass es in Zukunft sogar mögliche Schlafplätze im Büro geben wird.
Worin sehen Sie besonders großes Potenzial für neue Workspace-Lösungen? Gibt es spannende Entwicklungen?
Besonders spannend finden wir, wie immer mehr „Home“ im „Office“ Einzug hält. Im Büro fließen sukzessive Elemente von zu Hause ein, um Mitarbeiter:innen so viel Lebensqualität zu bieten, dass sie sich in der eigenen Wohnung – die ohnehin immer teurer wird – aufs Nötigste beschränken können. Einen ähnlichen Trend kennen wir aus Japan, wo sich das Leben der Menschen immer mehr in der Stadt und außerhalb der eigenen vier Wände abspielt. Bei uns könnte es in den Großstädten in eine analoge Richtung gehen.
ING-Offices Working Café
Welche Rolle spielen identitätsstiftende Entwürfe? Inwiefern können sich Büroräumlichkeiten auf ein Unternehmen auswirken?
Identitätsstiftende Entwürfe spielen vor allem bei Konzernen mit mehreren Büros eine große Rolle. Sehen die verschiedenen Standorte nicht nur gleich aus, sondern fühlen sich auch gleich an (indem Möbel, Materialien, Equipment und Co. die gleiche Sprache sprechen), werden sie von Mitarbeiter:innen besser angenommen. Ein Büro sollte außerdem das Unternehmen und dessen Werte widerspiegeln. Dafür gilt es, das Design entsprechend abzustimmen. In den Sozialbereichen verzichten wir bewusst auf CI-Farben, um diese wirklich neutral zu gestalten um gefühlt eine Auszeit von der Arbeit zu schaffen.
Gibt es dazu ein Beispiel aus der Praxis, welches diesen Entwurfsansatz besonders deutlich zeigt?
Der Tractive-Campus verdeutlicht diese Thematik. Bei ihm konnten wir in Abstimmung mit den Eigentümer:innen besonders auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter:innen eingehen. In dem Unternehmen für GPS-Tracker für Hunde und Katzen spielt Tierliebe eine große Rolle. Die Büroräumlichkeiten sollten so gestaltet sein, dass sie bei Mitarbeiter:innen mit denselben Werten und Interessen gut ankommen und diese anziehen. Deshalb grenzt das Objekt an einen riesigen Wald bzw. Park und es gibt z.B. Auslaufstellen sowie eine Tagesbetreuung für Hunde. Im Inneren runden von den Jahreszeiten inspirierte Farben und viele Pflanzen das tierfreundliche Design ab und repräsentieren den Konzern.
Mit 2.500 m2 bietet der preisgekrönte tractive Campus Coworking-Flächen, Begegnungszonen, Naturnähe und Raum für Kreativität für bis zu 250 Mitarbeiter:innen – und deren Vierbeiner. Offene Working Spaces gibt es hier ebenso wie Sitzecken und Rückzugsorte.
Wie können Büroräume einen positiven Einfluss auf die Produktivität der Mitarbeiter:innen haben? Welche Faktoren gilt es zu berücksichtigen?
Das „Office as a service“ soll den Mitarbeiter:innen so viele Alltagsdinge abnehmen, dass sie sich ganz auf die Arbeit konzentrieren können. Zu den Grundvoraussetzung bei der Gestaltung gehören auch Basics wie der Standort (Stichwort Anbindung), die Orientierung (schlüssiges Leitsystem für Mitarbeiter:innen und Externe), einfach bedienbare Medientechnik, gute Beleuchtung und Akustik sowie ein angenehmes Raumklima. Weiters muss es ein Angebot für verschiedene Arbeitsmodi geben – gearbeitet werden kann nicht nur am Schreibtisch, sondern auch auf einer Couch oder an der Bar bei einem Kaffee. Flächen für Kommunikation und Privatsphäre tragen ebenfalls zu einem positiven Umfeld bei. Mit kleinen Tricks lässt sich außerdem der Austausch der Mitarbeiter:innen fördern: Steht die Barista-Maschine mit dem besten Kaffee im Working Café, verwandle ich dieses automatisch in einen Ort, an dem unterschiedliche Abteilungen aufeinandertreffen.
Vom historischen Industriebau bis hin zum angrenzenden Waldstück – wie wichtig ist der Standort eines Projektes und wie fließt dieser in Ihre Entwürfe mit ein?
Die Umgebung ist für unsere Projekte insofern interessant, als wir ihr Angebot berücksichtigen: Gibt es in der Nachbarschaft ein Fitnessstudio, macht eine Kooperation in Form von Vergünstigungen für die Mitarbeiter:innen mehr Sinn als ein hauseigener Sportraum. So lassen sich einzelne Funktionen auslagern und es bleibt mehr Platz für andere. Bei dem Digital Future Space, dem Büro von Catalysts in der alten Tabakfabrik in Linz, spielt zudem der Denkmalschutz eine zentrale Rolle. Respektvoll mit dem Bestand umzugehen, stellt einen oft vor spannende Herausforderungen.
Wonach richtet sich die Auswahl von Materialien und Möbeln? Welche Qualitäten müssen diese mitbringen und inwiefern spielt Nachhaltigkeit eine Rolle?
Wir orientieren uns bei der Auswahl – sofern es bereits ein Büro gibt – meist am Bestand. Vorhandene Möbel und Materialien nutzen wir bestmöglich weiter und stimmen neue Elemente darauf ab. Außerdem achten wir stark auf deren Preis-Leistung, Regionalität und einen Stil, der zum Objekt bzw. dem Unternehmen passt. Nachhaltigkeit bedeutet für uns hohe Qualität und Langlebigkeit, weshalb wir anstelle von kurzlebigen Trends auf ein minimalistisches Design setzen, das auch nach Jahren noch Gefallen findet.
Mit JUNA designen Sie auch eigene Möbel – was bieten diese, was andere nicht können?
Bei JUNA handelt es sich um eine Marke von Jürgen und mir, Natalie – darum auch der Name JU-NA. Wir konzipieren hauptsächlich flexible, regional produzierte Möbel, die nicht fix eingebaut werden und sich mit ihrem schlichten Design an verschiedenste Benutzer:innen und Verwendungszwecke anpassen. Die multifunktionalen Stücke lassen sich an verschiedene Situationen anpassen. Je nach Bedarf dienen sie als Tisch oder Workshop-Space und ersetzen so ganze Räume. Das spart Platz und Kosten im Büro und ist nachhaltig. Für den Büromöbelproduzenten Wiesner-Hager haben wir z.B. ein mobiles Whiteboard entwickelt.
Interview: Edina Obermoser
Fotos: Florian Schwarz
Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen