Architektur, die atmet

10. Februar 2025 Mehr

Anna Orbanics Siegerprojekt „The Breathing Ground“ ist als Sinnbild der Intention des biennal verliehenen Architekturpreises Superscape zu verstehen, in dessen Rahmen innovative und visionäre Konzepte ausgezeichnet werden, die sich mit dem Zusammenspiel von privatem Wohnraum und urbanem Kontext auseinandersetzen, um neue Modelle für das Wohnen und Arbeiten in der Zukunft zu erforschen.

 


Die in Wien lebende, kroatische Architektin Anna Orbanic ist bekannt für ihre innovative Herangehensweise an Projekte. Ihr Engagement für nachhaltige Architektur basiert auf einem Master-Abschluss der Akademie der bildenden Künste Wien sowie weiterführenden Studien an renommierten Institutionen wie der Royal Danish Academy, der Bartlett in London und dem Politecnico di Milano. Mit ihrem Konzept „The Breathing Ground“ konnte Anna Superscape 2024 für sich entscheiden und damit einen Wettbewerb gewinnen, der regenerative Architektur fördert. Anna schätzt die interdisziplinäre Zusammenarbeit und strebt danach, visionäre Konzepte für die Zukunft unserer gebauten Umwelt zu entwickeln.

 

„Ich glaube, ich habe von Superscape zuerst in den sozialen Medien erfahren“, erinnert sich die Architektin Anna Orbanic, „deutlich in Erinnerung ist mir dabei der diesjährige Titel des Wettbewerbs geblieben: Form Follows Environment.“ Dieser hat Anna letztlich dazu bewegt, sich die Ausschreibung des Wettbewerbs genauer anzusehen. „Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich mitten in der Entwicklung meiner Masterarbeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ich dachte gleich, dass mein Projekt gut zum Thema passen würde.“ Der ideenbasierte Wettbewerb bietet in ihren Augen Raum für Architekt:innen, ihre eigene Kreativität herauszufordern und Architektur – auch radikal – neu zu denken. „Eine Teilnahme empfiehlt sich für alle, die sich Gedanken machen, wie sich Architektur in einen städtischen Kontext neu einfügen könnte. Schon das ist großartig, und darüber hinaus – wer weiß – lässt sich damit vielleicht sogar ein Preis gewinnen.“

 

THE BREATHING GROUND

(sub-)terranean architecture as an environmental instrument

Im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Akademie der bildenden Künste Wien erforschte Anna Orbanic atmende Systeme und entwickelte ein erdgebundenes Gebäude für extreme Klimabedingungen. Das innovative Architekturprojekt setzt sich mit den Herausforderungen urbaner Wärmeinseln und des Klimawandels auseinander. Das Konzept sieht ein unterirdisches Theater in Wien vor, das durch seine Form und vertikale Ausdehnung als klimatischer Apparat fungiert und stabile Temperaturen bietet. Inspiriert von Termitenhügeln und dem Belüftungssystem des Burgtheaters, schafft das Projekt öffentliche Räume unter der Erde, die Komfort und Kultur vereinen. Oberirdische Türme unterstützen die Belüftung und verwandeln die bauliche Struktur in eine urbane Lunge. „The Breathing Ground“ integriert sich in die bestehende Stadtstruktur und bietet eine neue Vision für nachhaltige Stadtentwicklung, indem es Biodiversität und Wohnkomfort in den Vordergrund stellt.

Aus insgesamt 82 Konzeptskizzen von Teilnehmer:innen aus 22 Ländern wurde „The Breathing Ground” von der Jury, bestehend aus Anna-Vera Deinhammer, Angelika Fitz und Thomas Romm zum Gewinnerprojekt des Superscape 2024 gekürt.

Im Interview spricht Anna Orbanic über die Hintergründe ihres Entwurfs “The Breathing Ground”.

 

 

Was war die Hauptinspiration für das Konzept, unterirdische Architektur als Umweltinstrument zu nutzen?

Bei meiner Arbeit fasziniert mich in erster Linie die Anpassungsfähigkeit von Tieren an sich verändernde klimatische Bedingungen. Mich hat schon immer erstaunt, wie sich bestimmte Spezies, durch Evolution, an äußere Einflüssen adaptieren und sich verändern. Für dieses Projekt haben mich konkret hügelbauende Termiten inspiriert. Im Februar 2020 habe ich eine Studienreise nach Zentralaustralien unternommen, wo ich zum ersten Mal Termitenhügel sehen konnte – in einer Hitze, wie ich sie zuvor noch nie erlebt hatte. Ich bin schnell darauf gestoßen, dass die Termiten den Turm gar nicht bewohnen, sondern in einem Nest unter der Erde leben. Der Turm dient ihnen als wind­exponierter, poröser Körper, der den Luftaustausch aktiviert. Als eine Art Windfang ermöglicht er es den Insekten, unterirdisch zu atmen und damit in einem geschützten Klima mit stabilen Temperaturen der rauen Umgebung zu trotzen.

Als ich damals neben dem Termitenhügel stand und unter der Sonne bei 40 °C schwitzte, habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, selbst unter die Erde zu kriechen, um Erfrischung zu finden. Dieser Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf und nach einigen extrem heißen Sommermonaten in Wien habe ich begonnen, ähnliche Strukturen und Möglichkeiten zur Gestaltung einer atmenden Architektur in Verbindung mit stabilen unterirdischen Temperaturen zu erforschen. Als zweite Inspirationsquelle diente mir neben vielen anderen Fallstudien das Wiener Burgtheater, das ebenfalls über ein beeindruckendes Belüftungssystem verfügt, das mit dem Untergrund verbunden ist und bereits 1888 gemeinsam mit dem Burgtheater erbaut wurde. Es ist also keine große Überraschung, dass das von mir vorgeschlagene Gebäude ein unterirdisches Theater ist.

 

 

Wie geht Ihr Projekt mit den Herausforderungen des Klimawandels um?

Mein Vorschlag konzentriert sich generell auf urbane Räume und hier konkret auf Wien, eine Stadt, die – wie viele andere – von klimatischen Veränderungen und extremen Temperaturen betroffen ist. Trotz der Lage in einer gemäßigten Klimazone entwickeln sich zunehmend urbane Hitzeinseln. Dabei spielt der hohe Anteil an versiegelten Flächen eine tragende Rolle, und gleichzeitig steigt ständig der Bedarf an Kühlgeräten.

Als Antwort auf das sich verändernde Klima schlage ich ein bodengebundenes Gebäude vor, das als eine Art Instrument zu betrachten ist. Das Bauwerk soll durch seine Form und Gestalt mit der Umwelt in Beziehung treten und durch natürliche Prozesse eine Stadtkühlung ermöglichen. Auf Basis meiner Recherchen habe ich versucht, jede Entwurfs­entscheidung auf der Grundlage von Umweltfaktoren und der Reaktion meines Gebäudes darauf zu treffen. Wie tief muss das Gebäude beispielsweise gebaut werden, um eine stabile Temperatur im Untergrund zu gewährleisten? Wie viel Erde muss obenauf liegen, damit große Bäume ihre Wurzeln ausbreiten können? Welches sind die Elemente, die die Luftqualität und die Luftfeuchtigkeit verändern, welches Material und welche Form haben sie? Wie hoch sollten die Türme sein, damit sie einem konstanten Windfluss ausgesetzt sind? Solche Fragestellungen haben mich während des Entwurfsprozesses begleitet, wobei mir meine interdisziplinäre Zusammenarbeit dabei geholfen hat, die passenden Antworten zu finden. Sie bilden die Grundlage dafür, dass das Gebäude mit der Umgebung kooperieren kann und sich nicht von ihr abschottet.

 

 

Wie fügt sich „The Breathing Ground“ konkret in seine natürliche Umgebung ein?

Ich bin der Meinung, dass die Städte in der heutigen Zeit für viele Menschen zur natürlichen Umgebung werden, aber es fehlt ihnen an ökologischem Gleichgewicht. In meinem Projekt werden öffentliche Räume, die nicht viel natürliches Licht benötigen – Theatersäle, Galerien oder Sportzentren – in den Boden versenkt, wo die Temperaturen das ganze Jahr über stabil bleiben. Dadurch entsteht darüber eine unversiegelte, grüne Fläche. Diese Biodiversität an Flora und Fauna schafft ein kühlendes Mikroklima für die Nachbarschaft. In den porösen Türmen können Insekten- und Vogelarten nisten. Gleichzeitig ist der Wiener Boden lehmhaltig – der Aushub kann also als lokales Material für den Bau der Windtürme eingesetzt werden. Brunnen speichern Wasser, kleinere Windräder sammeln Windenergie und großformatige Maschenvorhänge lassen Luftfeuchtigkeit kondensieren, um die Stadt zusätzlich zu kühlen.

Auf diese Weise kann ein Zusammenleben mehrerer Arten stattfinden, bei dem alle von den bereitgestellten Ressourcen profitieren. Wenn man dieses Projekt als einen auf mehrere Bereiche der Stadt angewendeten Prototypen betrachtet, könnten grüne Zonen in den Städten dominanter werden.

 

 

Welche innovativen Materialien und Bautechniken könnten dabei zum Einsatz kommen?

Die lehmhaltigen Böden könnten für die Konstruktion als lokale Materialressource dienen. Ich habe Stunden damit verbracht, mit dem Architekten und Baukonstruktionsexperten Franz Sam zu sprechen, um zu verstehen, wie meine Ideen in bestehende Bauweisen implementiert werden könnten. So wird zum Beispiel die Hülle des unterirdischen Raums durch eine Druckinjektionsmaschine stabilisiert und durch künstlichen Termitenspeichel verstärkt: STS, Synthetic Termite Saliva, ist ein Material, das bereits erforscht wird. Das ausgehobene Material in Form von Ton und Sand könnte mit dem STS gemischt und als Filamentmaterial für den 3D-Druckprozess der Windtürme verwendet werden. Da der Standort gleichermaßen als Materialressource fungiert, könnten die Türme umso höher gebaut werden, je größer der unterirdische Raum ist.

Wie definiert das Projekt die Beziehung zwischen Architektur und Umwelt im städtischen Umfeld neu?

Die Architektur wird zu einem Apparat, der mit dem Klima kommuniziert. Dadurch bietet es einen Raum des Komforts, einen Boden für das Wachstum der Artenvielfalt und ein System, an das sich bestehende Nachbargebäude andocken können, um vorgekühlte, entfeuchtete und gereinigte Luft in die Innenräume zu bringen. Man könnte also von einer bodengebundenen Klimaanlage sprechen. Der öffentliche Untergrund kann sich ausbreiten und ein neues unterirdisches Verbundnetz schaffen – eine atmende Infrastruktur für die ganze Stadt. Diese verbindet nicht nur die oberirdischen Ebenen mit den darunter liegenden, sondern auch die bestehenden Kellerstrukturen, die oft verlassen unter der Stadt ruhen. Meine Vision besteht darin, das Gebäude zu einem Gefäß zu machen, einer urbanen Lunge, die sich ausdehnt und in weitere Stadtgebiete hineinwächst.

 

 

Welche Rolle spielt die Einbeziehung der Gemeinschaft bei der Durchführung und dem Erfolg des Projekts?

Für eine so große Projektidee ist es entscheidend, viele Menschen zu involvieren und Unterstützung der Gemeinschaft auf mehreren Ebenen zu generieren. Für die Weiterentwicklung und Umsetzung braucht es Unterstützung von Fachleuten, Investoren und natürlich den Anwohner:innen sowie vom Staat, der Politik und den Behörden. Dabei ist es wichtig, die Herangehensweise zu verstehen. Veränderungen werden oft skeptisch angesehen, viele Menschen fürchten sich sogar davor. Wir sehen aber, dass sich das städtische Umfeld immer mehr aufheizt – eine Folge unserer aktuellen Art zu bauen und zu leben. Ich glaube, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich neuen Ideen zu öffnen und diese zu analysieren. Mit meinem Projekt möchte ich urbane Wärmeinseln in lebenswertere, klimaangepasste Räume für alle verwandeln und zugleich begrünte und belebte Flächen als eine Stadtstrategie vorschlagen.

 

 

Wie stellen Sie sich die zukünftigen Auswirkungen Ihres Projekts auf den Bereich der regenerativen Architektur vor?

Ich hoffe, mit meinem Projekt auch andere zu interdisziplinären Arbeitsweisen zu motivieren und als Inspiration für das Verwischen der Grenzen zwischen Architektur und Umwelt zu dienen. Wenn das Klima als aktive Designkomponente behandelt wird, können daraus neue Projekte entstehen, die konventionelle Baumethoden in Frage stellen und Räume schaffen, die sich mit ihrer unmittelbaren Umgebung auseinandersetzen und zu ihr beitragen. Dieses Projekt hat mich mit vielen interessanten Menschen in Kontakt gebracht, von denen ich viel lernen durfte. Dafür bin ich dankbar. Ich bin außerdem davon überzeugt, dass es wichtig ist, offen zu sein für die Meinung anderer. Denn gemeinsam, mit verschiedenen Inputs und Stimmen, kann man Ideen weiterentwickeln und hoffentlich eines Tages in die Realität umsetzen. Das ist mein Wunsch, für mich und dieses Projekt, aber auch für andere Kreative da draußen mit großen Visionen.

Ich glaube, dass wir Menschen – wie die Termiten, von denen sich Millionen um ihren Termitenbau kümmern – zusammen unsere Städte pflegen sollten und hoffentlich so den Wind und die natürliche Umgebung auch ins Stadtinnere holen können.

 

 

Text: Linda Pezzei
Projektbilder: Anna Orbanic
Portrait: Sara Orbanic

 

Kategorie: Architekten im Gespräch, Kolumnen, Start